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Vom Widumhof zum Treffpunkt für Lese- und Spielfreudige: Das Messehaus «zum Greifen» Mitten im Oberflecken
steht an markanter Stelle der behäbige «Greifen», in dessen Erdgeschoss zwei beliebte Institutionen eingezogen sind: die Fleckenbibliothek und die Ludothek. Das Gebäude bildet die Ecke Hauptstrasse-Tannengasse und wird in alten
Zinsurbarien als «Egghaus» mit Hof, Hofstatt und «Scheür» beschrieben. Der grosse verwinkelte Innenhof, seit Generationen ein Paradies für spielende Kinder, wurde im Laufe der Messezeit von Magazin-, Kammer- und Laubenanbauten
eingefasst.
Gegen die Tannengasse, im 18. Jahrhundert noch nach den Familien Unfrid oder Sutor benannt, war der Wohnhaus-Giebelfront eine hölzerne Laube vorgehängt, die später vermauert und ins Gebäude integriert wurde.
Wenn man den Gebäudekomplex von der Hauptstrasse her betrachtet, sind seine drei Teile unschwer abzulesen: Der «versteinerte» Laubenvorbau, der vom hohen Giebel des Wohnteils überragt wird, und zwischen diesem und dem Haus zum
«Goldenen Hörnli» der niedrigere ehemalige Scheunenteil. Die drei Gebäude bekamen im 18. Jahrhundert eine einheitliche Strassenfassade und zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die langgestreckte Hauptfront– wohl in Anlehnung an
die Propstei – mit einem kleinen Quergiebel optisch zentriert.
Der Widumhof Der Hausname «zum Greiffen» erscheint erstmals im Zurzacher Stiftsurbar von 1606. Das Gebäude ist aber älter als sein Name, war es
doch einer der fünf Widumhöfe, die zum Unterhalt der Pfarrkirche und des Leutpriesters eingerichtet («gewidmet») wurden. Im ältesten Stiftsurbar von 1511 wird vermerkt, dass Hannß Kaiser, Pfister (Bäcker) von seiner Widem,
deren Inhaber «vor ziten Cunrat Lang» war, dem Stift einen jährlichen Zehnten von 3 Mütt Roggen, 1 Malter Hafer und 2 Quart (Viertel) Kernen, nebst 30 Eiern, 2 Herbst- und einem Fasnachtshuhn zu entrichten habe. Von diesen
Abgaben standen dem Stiftsdekan, der gleichzeitig Pfarrer von Zurzach war, der Roggen, der Hafer und 1 Viertel Kernen (Weizen) zu. 1 Viertel Weizen behielt das Stiftskapitel, Eier und Hühner gingen an die mit dem
Mauritius-Chorhof verbundene Pfrund. Nach der Reformation wurden diese Einkünfte, mit Ausnahme der Hühner und Eier, dem reformierten «Prädicant allhier» abgegeben.
Bauteile aus dem 16. Jahrhundert Das gemauerte
Wohnhaus dürfte – wohl anstelle eines älteren Gebäudes aus Holz – um 1500 entstanden sein. Aus dieser Zeit datieren die Deckenbalken im Hausgang. Etwa zwei Generationen später wurden dem Haus ein weiteres Geschoss und ein neues
Dach aufgesetzt: 1572 sind nämlich die Hölzer für den heute noch bestehenden Dachstuhl geschlagen worden, wie eine Messung der Jahrring-Abstände (Dendrochronologie, Klimakurve) ergeben hat.
Ein nobles Gasthaus
Im Urbar von 1709 wird erwähnt, dass die Scheune «anjetzo verbauwen» sei. Das bedeutet, dass aus der Scheune ein Wohnhaus wurde. Die neuen Räume waren nicht für Eigenbedarf der Familie Welti gedacht: 1780 wohnten lediglich fünf
Personen in dem grossen Haus mit über 20 Zimmern. Vermietbare Stuben und Kammern waren während der Messezeit eben gefragter als Ställe. Wie viele Räume während der Messen vermietet wurden, zeigt eine Gästeliste von 1781. Damals
beherbergte Johann Friedrich Welti im Greifen 69 Gäste aus Basel, Bern, Genf, Langenthal, Lichtensteig, St. Gallen, Zofingen und Zürich. Während dieser Tage beschäftigte Welti auch 8 Markthelfer aus Tegerfelden und Rietheim,
die ebenfalls im Greifen untergebracht waren.
Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts war das Messehaus zum «Gelben Greifen» für eine stattliche Gästezahl eingerichtet:
in einem Inventar werden u.a. 57 Bettstellen, 54 Tische und 34 Stabellen, aber auch gepolsterte Sessel und Kanapees aufgeführt. Selbstverständlich war auch genügend Wäsche, Geschirr und Besteck für den Gastbetrieb vorhanden.
Auch einzelne Räume wie getäfelte und bemalte Stuben sowie eine Régence-Stuckdecke aus der Zeit um 1730 zeugen davon, dass der «Greifen» kein Armleutehaus war.
Vom Messehaus zum Messe-Aus Der Niedergang der
Messen war spürbar. Im Flecken wurden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit Neubauten, Umbauten und Ausbauten Anstrengungen unternommen, den drohenden Zerfall der Messen abzuwenden. Bezirksarzt Dr. med. Johann Jakob
Welti (1796–1854) versuchte, seine Einkünfte mit Tabakanbau und Seidenraupenzucht zu sichern, und lange bevor in Zurzach Thermalwasser floss, richtete er 1842 im «Greifen» eine «Cur-Anstalt für Bleichsüchtige, Scrophel- und
Flechten-Kranke» ein. Aber weder Welti noch seine Kuranstalt erlebten das Ende der Zurzacher Messen 1856. Im 1916/18 entstandenen Quergiebelfeld hockt ein Greif mit dem Zurzacher Wappenschild. Seine Brust scheint jetzt noch
stolzer aufgebläht, seitdem die beiden «Theken» in seinem Haus untergebracht sind.
Bild und Text A. Hidber, Büro Sennhauser, Zurzach.
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